IT Politik

Beiträge vom Mai 2009

Sinnvolle IT Anwendungsforschung in Deutschland?

Mai 18, 2009 · Kommentar schreiben

Professor Jürg Leithold vom Institut für Quantenelektronik und Photonik am KIT in Karlsruhe hat 2008 einen mit 100 000 € dotierten Forschungspreis des Landes Baden-Württemberg erhalten u.a. für die Entwicklung eines sehr schnellen Bausteins (100 Gigabit/sec) auf Siliziumbasis für die Übertragung von Daten mit Licht. Als informierter ITler versteht man nicht so richtig, wo die ausserordentliche Forschungsleistung liegt, hat doch z.B. das Fraunhofer Institut zusammen mit Fujitsu bereits 2005 einen Schalter mit 640 Gigabit/sec vorgestellt.  Offensichtlich wurde der Preis dafür vergeben, dass der Baustein auf Siliziumbasis entwickelt wurde. Dieser Forschungspreis zeigt exemplarisch einige Probleme der IT Anwendungsforschung auf.

  1. Offensichtlich hat Prof. Leithold nur Zugriff auf die vor Jahren angeschaffte Siliziumtechnologie. Er würde sicher auch gerne mit den neuesten Technologien arbeiten, dafür fehlt aber Geld in der Größenordnung von mindestens 20 Millionen € und eine solide Ausstattung mit technischem Personal.
  2. Die Höhe des Preisgeldes von 100 000 € ist allenfalls für die Public Relations Abteilung des Forschungsministeriums ein hoher Betrag. Im täglichen Betrieb reicht das Geld nicht einmal  für die Anschaffung eines fortschrittlichen Messgeräts.
  3. Nachdem sich in Deutschland sowohl Siemens als auch Alcatel vom Halbleitermarkt verabschiedet haben, gibt es in Deutschland keine Industrie mehr, die solche Forschungsergebnisse in Produkte umwandeln könnte. Für wen (ausser den Forschern) wird da geforscht? Wenn überhaupt gehen die Forschungsergebnisse dann nahtlos in den Besitz von amerikanischen, japanischen oder süd-koreanischen Firmen über. Universitäten sind in Deutschland besonders stolz, wenn sie Drittmittel aus anderen Ländern einwerben. Ausländische Firmen kaufen sich damit oft deutsche Entwicklungsteams für ganz geringes Geld ein. Das erinnert ein bischen an den in der DDR üblichen Drang zur „Internationalität“.
  4. Offensichtlich hat Prof. Leithold eine Gruppe von pfiffigen Forschern und Entwicklern um sich geschart, die bei diesem Projekt sicher eine hervorragende Ausbildung erhalten. Wo sollen diese Leute dann aber in Deutschland Arbeit finden, wenn es gar keine einschlägige Industrie mehr gibt?
  5. In Deutschland wird ganz wenig auf neuen, relevanten Gebieten geforscht. Die vorhandenen Forschungsgebiete, die vor 20 Jahren oder noch länger auch gesellschaftlich relevant waren, werden meist fortgeschrieben – häufig auch dann wenn ein Lehrstuhl neu besetzt wird. Die vorhandenen „asozialen“ Netzwerrke sorgen dafür, dass Bewerber mit neuen Ideen bei der Vergabe von Forschungsgeldern oder Forschungspreisen nicht zu üppig bedacht werden.
  6. Die Politik vergibt Mittel gemäß der zur Zeit aktuellen „Ideologie“ – wer an einer Exzellenz Uni forscht muss ja auch exzellent sein. Allerdings haben die Exzellenz Universitäten inzwischen auch eigene Markting- und Public Relations Abteilungen aufgebaut, die Politik und Presse informieren und beeinflussen. Dagegen haben es kreative Forscher, die meist an ihren Forschungen arbeiten, zunehmend schwer überhaupt wahrgenommen zu werden.

Die Forscher, die diesmal leer ausgegangen sind, sollten sich trösten. Der Innovationspreis ist eher eine politische Geste als eine wirkliche Unterstützung der Forschung.

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Gesundheitskarte – Slowenien macht’s richtig!

Mai 13, 2009 · Kommentar schreiben

Das Projekt elektronische Gesundheitskarte ist ein schönes Beispiel wie eine an sich gute Idee durch unendliches Taktieren von Politikern, Lobbyisten und und kritikloses Agieren von technischen und organisatorischen Spezialisten ins Absurde gemanaged wird. Dabei traut sich keiner der Beteiligten zuzugeben, dass das Projekt eigentlich sofort gestoppt werden müsste. Die ursprüngliche Versicherungskarte wie wir sie heute in der Tasche tragen ist eine Erfolgsstory. Durch die eindeutige Identifikation des Patienten konnten überhaupt erst vernünftige übergreifende Prozesse bei Krankenkassen, Ärzten und Kliniken implementiert werden. Die Karte begleitet die  Versicherten von der Geburt bis zur Bahre. Die Karte ist heute billiger als eine Bankkarte und eigentlich recht unsicher  – gefälschte Karten kosten heute auf dem Schwarzmarkt ca 50 €. Das ist aber eigentlich wenig interessant, da sich der Arzt sich bei unbekannten Patienten ja noch den Ausweis zeigen lassen kann und die Versicherung online verifizieren kann.

Vor etwa 15 Jahren kam dann die Idee auf, medizinische Daten wie z.B. Notfallinformation, Adressen von behandelnden Ärzten, sowie Falldaten z.B. für Diabetes Patienten auf der Karte zu speichern. Das war damals durchaus sinnvoll, da es praktisch weder eine Netzwerkinfrastruktur noch einheitliche PC Betriebssysteme und Praxis-Software für die Ärzte gab. Bei DIABCARD wurde ein relativ einfaches Sicherheitssystem entwicklet, das im Praxistest in mehreren europäischen Ländern erfolgreich getestet wurde. Dabei wurden auch Standards für den Zugriff zu den Karten für Windows und Java entwickelt, die heute selbst auf VISTA PCs noch funktionieren.

Anstatt die einfache Lösung aufzugreifen und schnell zu implementieren wurde in Deutschland das Projekt Gesundheitskarte gestartet bei dem  zunächst eine komplizierte Sicherheitsarchitektur entworfen wurde, die weder dem Patienten noch Ärzten nutzt und in der Praxis nicht funktioniert. Da auf der Karte nur eine geringe Datenmenge gespeichert werden kann und die Daten auch nur extrem langsam ausgelesen werden können, kann man eigentlich Standard Dokumente wie Laborberichte, Arztbriefe usw nicht auf der Karte speichern und ist für den vorgesehene Kommunikation zwischen den Beteiligten des Gesundheitssystems nicht geeignet. Der Patient hat keine Möglichkeit seine Gesundheitsdaten am heimischen PC einzusehen und kann damit Fehler im System nicht korrigieren.

Die Gesundheitskarte sollte eigentlich schon 2008 flächendeckend eingeführt sein – jedoch zogen sich die Feldversuche u.a. in Heilbronn seit 2007 endlos hin mit unsäglichen technischen und organisatorischen Schwierigkeiten. Aus gutem Grund werden die Ergebnisse der wissenschaftliechen Begleitung durch die Hochschule Heilbronn auch unter Verschluss gehalten. Im Moment ist das primäre Projektziel offensichtlich das Desaster nicht vor der Wahl ans Licht kommen zu lassen. Typisch ist auch, dass der neue Personalausweis ein drahtloses RFID Interface haben und keine Kontakte wie die Gesundheitskarte. Das macht dann wohl das Chaos noch perfekter. In beiden Fällen macht man sich durch die Verwendung eines proprietären Kartenbetriebssystems das zufällig aus Bayern kommt beim Preis erpressbar!

Slowenien zeigt dagegen wie man es richtig macht. Basierend auf der Erfahrung mit einem konventionellen Healthcard System das in Slowenien 1998 flächendeckend eingeführt wurde, hat man bereits im Jahr 200 eine Strategie für ein modernes Gesundheitsnetzwerk basierend auf Industriestandards entwickelt. Die neue Gesundheitskarte basierend auf SOA und dem offenen Standard JavaCard dient dabei sowohl für Patienten als auch für Ärzte als Ausweis für den Zugriff auf die Gesundheitsdaten. Die Daten werden dabei nicht zentral sondern auf sicheren Servern der existierenden Infrastruktur bei Versicherungen, Ärzten und Krankenhäusern gehalten.  Die Ärzte können dabei auch über Handy auf die Daten der Patienten zugreifen. Durch Verwendung von Hardware- und Softwarestandards können die Kosten des Systems speziell für die Wartung und den Betrieb erheblich reduziert und die Stabilität des Systems über längere Zeit gesichert werden. Interessant ist auch, dass Slowenien nach langem Ärger mit unterschiedlichen Anbietern von Software und Services  jetzt mit dem Generalunternehmer IBM arbeiten will.

Es ist unverständlich, dass das deutsche Gesundheitsministerium nicht auf die langjährigen Erfahrungen mit der Technik und Organisation Gesundheitskarten-Systemen von Slowenien berücksichtigt und den Schritt zu einer wirklich modernen IT Infrastruktur macht. Vielleicht kann hier die Finanzkrise dazu beitragen unnötige Ausgaben in ein ineffizientes und viel zu teures System zu verhindern.

Siehe auch:

Pinologie der Gesundheitskarte

Die Gesundheitskarte ist krank

Google Service für Patientendaten

Gesundheitskarten Infrastruktur geht an T-Systems

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