Im Moment fällt die Presse und die Öffentlichkeit über die Siemens Manager her, weil sie über eine Milliarde Schmiergelder nach 1998 ausgegeben haben (vorher war das ja erlaubt und steuerlich absetzbar). Das eigentliche Problem liegt aber tiefer. Das Siemens Management war jahrzehntelang weltweit im Geschäft mit Regierungen und Behörden aller Art (Post, Bahn, Behörden, Medizin, Wehrtechnik … ) und hat die dort üblichen Methoden der politischen Beeinflussung und Bestechung als Vertriebskonzept verinnerlicht. Heinrich von Pierer ist ein typischer Vertreter der alten Art – eine Journalistin der Stuttgarter Zeitung beschreibt ihn sehr charakteristisch als knöchernen Bürokraten ohne jegliche typischen Führungseigenschaften, der seine Lehrzeit im Vertrieb mit der persischen Regierung verbracht hat! Ähnlich wie Helmut Kohl in der Politik hat es Heinrich von Pierer mit viel Hintergrundwissen geschafft, ein Beziehungsgeflecht mit vielfachen dubiosen Abhängigkeiten zu schaffen und zum „König“ der deutschen Wirtschaftsführer aufzusteigen. Schaut man sich aber die Resultate seiner Führung an, so hat Siemens seit seiner Amtsübernahme 1992 permanent schlechtere Ergebnisse als die Unternehmen im DAX abgeliefert und war bei jeder Phase des Niedergangs der deutschen Kommunikationstechnik – Mobilfunk, Internet, Computer- und Halbleiterindustrie – immer aktiv beteiligt. Etwa 30 000 Mitarbeiter mussten in seiner Regierungszeit die Firma verlassen. Zur Zeit steht ja die Halbleitersparte zur „Sanierung“ an. Siemens hat es auch nicht geschafft, ein einziges neues Geschäftsfeld wie z.B. Bosch erfolgreich zu etablieren.
Das Siemens Management hat eine „geradeaus“ Managementkultur entwickelt, die unfähig ist auf Änderungen im Geschäftsumfeld schnell und angemessen zu reagieren. Folgerichtig konnte auch auf das Verbot der Bestechung in 1998 nicht angemessen reagiert werden. Der eigentliche Skandal ist aber, dass die deutsche Politik und auch die Presse jahrelang „mitgespielt“ hat um das deutsche Vorzeigeunternehmen Siemens zu stärken. Herr Stoiber wollte sich für Siemens sogar vom Bahnhof zum Flughafen „beamen“ lassen!
Wenn der „Siemens Skandal“ dazu beiträgt, dass Wirtschaftsführer und Firmen kritisch beurteilt und alte Beziehungsgeflechte gebrochen werden, so sind die Milliarden wohl besser ausgegeben als bei den Bankskandalen. Dem neuen Siemens Management ist zu wünschen, dass es mit einer Operation „Herakles„ einen Neuanfang findet und vielleicht nicht nur bei den kleinen Angestellten aufräumt. Das schwierigste wird aber wohl sein, die alte Werner-von-Siemens-Ethik mit Vorsprung durch Technik wieder in der Firma zu etablieren.